| |
 |
TEXT
MASCHINISCHE VIRTUOSITÄT
Gerald Raunig
[Leseprobe, S. 116]
»In den Produktionsprozeß des Kapitals aufgenommen, durchläuft das Arbeitsmittel aber verschiedne
Metamorphosen, deren letzte die Maschine ist oder vielmehr ein automatisches System der Maschinerie
(System der Maschinerie; das automatische ist nur die vollendetste adäquateste Form derselben und
verwandelt die Maschinerie erst in ein System), in Bewegung gesetzt durch einen Automaten, bewegende
Kraft, die sich selbst bewegt; dieser Automat bestehend aus zahlreichen mechanischen und intellektuellen
Organen, so daß die Arbeiter selbst nur als bewußte Glieder desselben bestimmt sind.«
(Karl Marx, Maschinenfragment, 1957/58)
Und noch einmal: »A smart artist makes the machine do the work.« Cornelia Sollfranks viel
zitierter Marketingspruch für den net.art generator - wie auch für sie selbst - ist zunächst Bezugnahme
auf die und Anwendungsfall der teils lustvoll, teils verbissen geführten Kämpfe um die Frage
nach dem Ursprung des Neuen im Kunstfeld des 20. Jahrhunderts. Einen späten Höhepunkt
dieser Kämpfe stellten die neoistischen Anti-Originalitäts-Programme und ihre beißenden
Persiflagen gängiger KünstlerInnenbilder dar, in denen dem/r müßigen KünstlerIn als komplementäre
Position jene emsig-drögen Originalitätsansprüche beigesellt wurden, die inzwischen
die Mitte der kapitalistischen Produktionsweisen erreicht haben: »Originality is for losers. Don't
waste time on researching and developing new ideas: let others do it for you« lautet daher eine
der wichtigsten neoistischen Strategien. Wenn es einen Sinn im Namen der randständigsten aller
Postavantgarden des späten 20. Jahrhunderts, des Neoismus, gibt, ist es die Infragestellung einer
reinen Produktion des Neuen ex nihilo, die Kritik der Idee einer Erfindung jenseits von Nachahmung,
des Neuen jenseits von Aneignung, der Differenz jenseits von Wiederholung.
Natürlich, da gibt es diesen gewissen Bruch in der neoistischen Praxis: Während der Angriff auf die
Ideologien von Originalität und Kreativität nicht zuletzt auch eine Attacke auf die heteronormative
Ordnung des kulturellen Felds darstellt, auf die für sie zentrale Konstruktion der ewigen Schüpferkraft
des männlichen Genius, sind die exzessiv sich selbst historisierenden Neoisten(-Gangs)
um Stewart Home oder Istvan Kantor auch nicht viel mehr als rivalisierende Boy Groups und
Einzelkämpfer. [...]
|