home


extension

female extension

public

presse

reviews

interview

generator

 


"Hacker sind Künstler - und manche Künstler sind Hacker"



Cornelia Sollfrank im Gespräch mit Tilla Telemann


Tilla Telemann: "Female Extension", Ihre Intervention bei dem Netzkunstwettbewerb "Extension" der Hamburger Galerie der Gegenwart, hat große Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Was war die Ausgangsidee von "Female Extension"?

Cornelia Sollfrank: Eigentlich wollte ich den Wettbewerb crashen. Ich wollte ihn dermaßen stören, daß er nicht plangemäß durchgezogen werden kann.

T.T.: Und wieso?

C.S.: Weil ich es doof fand, daß ein Museen einen Netzkunst-Wettbewerb veranstaltet. Netzkunst hatte für mich nichts mit Galerien und Museumsbetrieb zu tun, mit Jurierung und Preisen, weil das der "Natur" des Netzes widerspricht. Netzkunst ist einfach im Netz, und dazu ist kein Museum erforderlich und kein Juror, der entscheidet, was die beste Netzkunst ist.

T.T.: Finden Sie das immer noch?

C.S.: Grundsätzlich ja. Aber ich befürchte, daß man die Entwicklung nicht aufhalten kann. Netzkunst ist bereits dabei, sich vollständig zu verändern. Sie findet zwar noch im Netz statt, aber das Bedürfnis nach abgeschlossenen Werken, die verkaufbar sind, die einen bestimmten Wert haben, nach identifizierbaren Autoren und der Etablierung von bewertenden und mit der Netzkunst Handel treibenden Instanzen wird man nicht ignorieren können. Netzkunst wird sich in diese Richtung entwickeln, weg von dem, was sie zu Anfang war.

T.T.: Woher kommt der aggressive Impuls, den Wettbewerb kaputtzumachen?

C.S.: Ich bin halt so zerstörerisch. Ich hatte das Gefühl, die wissen nicht, was sie da tun. Sie wollen nur von dem Hype um Netzkunst profitieren, ohne wirklich zu investieren. Das wollte ich stören und sie durch diese Störung darauf aufmerksam machen, daß es nicht so einfach ist. Netzkunst besteht nicht nur aus blankpolierten Webseiten, sondern vielleicht auch aus fiesen, systemimmanenten Stör-Aktionen.

T.T.: Die Aktion ist von vielen als "Hack" bezeichnet worden; "Die Woche" hat Sie sogar zur "Hackerin der Woche" gekürt. Sehen Sie sich selbst als eine Hackerin oder als eine Häckse?

C.S.: Nein, ich bin Künstlerin. Wenn man sich aber genauer ansieht, was der Begriff "hacken" bedeutet, findet man sehr schnell heraus, daß Hacken eine künstlerische Methode ist, mit dem Computer umzugehen. Es ist also eher so, daß die Hacker Künstler sind - und manche Künstler eben auch Hacker.

T.T. Was bedeutet der Begriff "Hacking" für Sie?

C.S.: Es gibt ein sogenanntes "Hacker Jargon Dictionary" (siehe Kasten), in dem unter anderem versucht wird, den Begriff zu klären. Ein wichtige Parallele zwischen Hacken und Kunst ist für mich, daß beides ein spielerischer, zweckfreier Umgang mit einer Sache ist. Es geht nicht um zielgerichtete Anwendung, sondern um das Ausprobieren und Herumspielen - ohne, daß ein nützliches Ergebnis dabei herauskommt.

T.T.: Bei vielen spektakulären Hacks sind Computer zerstört oder zum Absturz gebracht worden. Gibt es in diesem Sinn bei Ihrem Impuls zu stören eine Parallele zum Hacken?

C.S.: Hacken heißt nicht in erster Linie zerstören. Die Computer-Hacker legen inzwischen ja allergrößten Wert darauf, daß sie nur brave Buben sind, die gerne rumspielen und die Schwachstellen von Systemen aufzeigen, ohne etwas kaputtmachen zu wollen. Dabei könnten Hacker unvollstellbare Schäden anrichten. Aber im Moment geht es eher um den sportlichen Ehrgeiz, großen Software-Firmen zu beweisen, wie schlecht ihre Programme eigentlich sind. Zumindest versuchen sie dahingehend ihr Image zu verändern.

Auch bei meiner Aktion geht es weniger um Zerstörung, eher um Störung. Ich konnte weder "Extension" zerstören, noch der Galerie der Gegenwart ernsthaften Schaden zufügen, aber immerhin habe ich es geschafft, etwas Sand ins Getriebe zu schütten. Es ist nicht alles zusammengebrochen, aber einige Leute mußten sich einige Zeit mit viel Müll beschäftigen. Das hat den reibungslosen Ablauf des Wettbewerbs in jeden Fall gestört.


T.T.: Ein anderer Aspekt vom Hacken ist, daß es sich bei Hackern um Leute handelt, die Spaß an der intellektuellen Herausforderung haben, kreativ Beschränkungen zu umgehen.

C.S.: Ja, es geht beim Hacking um Beschränkungen, aber mehr noch um Normen. Das ist eine andere Parallele zur Kunst. Das Material, mit dem die Kunst arbeitet, sind die Dinge, die uns andauernd umgeben. Das einzige, was Kunst macht, ist doch, Wahrnehmungsmuster und -gewohnheiten aufzubrechen. Kunst soll Kategorie- und Systembildung, die wir benutzen, um einen möglichst geraden Weg durch das Leben zu finden, aufsprengen. Diese Muster und Systeme haben alle Menschen im Kopf. Da setzt die Kunst an: Gewohntes wird gestört, wir sind überrascht. Neue und ungewöhnliche Wahrnehmungsmuster bieten die gleichen Dinge in einem ganz neuen Zusammenhang an. Damit werden Denksysteme in Frage gestellt. Und nur Leute, die das suchen, interessieren sich überhaupt für Kunst.

T.T.: Würden Sie sagen, daß es bei einem Kunstwettbewerb genauso bestimmte Konventionen gibt wie bei Computer-Programmen, und Sie diese Konventionen durch Ihre Aktion unterwandert haben?

C.S.: Ja, auch. Bei "Female Extension" ist das Material, mit dem ich arbeite, einerseits das Internet, aber auch der traditionelle Kunstbetrieb: Das Museum, der Wettbewerb, die Jury, der Preis.

T.T.: Wenn es Ihnen um die Störung des Wettbewerbs ging, warum haben Sie dann nicht den Server gehackt, auf dem die Netzkunst-Projekte abgelegt waren, und alles gelöscht? Oder zum Beispiel die Preisverleihung gestört?

C.S.: Das ist "elektronischer ziviler Ungehorsam". Ich habe sozusagen im Netz demonstriert, weil ich da einen größeren Effekt hatte. Meine Aktion war nicht wirklich destruktiv. Ich habe nichts kaputt gemacht, im Gegenteil, letztendlich war ich sogar sehr produktiv. Anstatt Daten und Informationen zu vernichten, habe ich durch die automatisierte Produktion von noch mehr Daten dafür gesorgt, die eingesendeten Arbeiten schwerer auffindbar zu machen.

T.T.: Ist es nicht schon eine Affirmation eines Systems, wenn man versucht, in dieses System hineinzukommen, sei es nun - für den Hacker - ein Computersystem oder - für den Künstler - ein Netzkunstwettbewerb? Wäre es nicht konsequenter, von außen zu stören?

C.S.: Nein, von innen kann man viel effektiver stören als von außen. Eine Datenflut zu produzieren hat einen wesentlich größeren Störeffekt, als mich mit einem Transparent vor das Museum zu stellen, auf dem "Nieder mit Extension" steht.

T.T.: Eine Sache, die viele Hacker immer wieder betonen ist, daß es ihnen neben der Beeinflussung von gesellschaftlichen Entwicklungen, die überhaupt nur eine Elite mitverfolgen können, auch um den Zugang zu sensiblen Informationen geht. Trifft das für Sie auch in irgendeiner Form zu?

C.S.: Es geht weniger um die Information selbst, sondern vielmehr darum, wie offen Systeme sind. Die Informationen selbst verändern sich ja ständig. Es gibt ständig neuen Inhalt. Viel wichtiger sind Hierarchien von Systemen, was für wen zugänglich ist. Hierarchien werden durch Passwörter und Codes etc. etabliert. Diese müssen durch Hacken immer wieder aufgebrochen werden. Und dadurch werden die Hierarchien immer wieder abgebaut, und vertikale strukturierte Systeme werden in horizontale umgebaut. Das ist auch der entscheidende Widerspruch zwischen Kunstbetrieb und Netzkunst. Der Kunstbetrieb ist ein hierarchisches System, also vertikal strukturiert. Ich kann nicht einfach mein Kunstwerk ins Museum hängen. Aber ich kann ins Netz gehen und da z.B. meine Webseite reinhängen.

T.T.: Das ist natürlich genau das, was am Anfang viele Künstler am Internet als Medium so interessant fanden. Aber mittlerweile ist es so, daß selbst Leute, die sich professionell damit beschäftigen, gar nicht mehr überschauen können, was alles im Bereich Netzkunst passiert, weil es so unglaublich viel ist. Es ist eine paradoxe Situation entstanden: Gerade weil im Internet "jeder Mensch ein Künstler" sein kann, ist es besonders wichtig, daß sich Netzkünstler in irgendeiner Weise mit Kunstinstitutionen in Verbindung bringen, um sich zu nobilitieren und zur Kenntnis genommen zu werden...

C.S.: Die einzige Funktion, die ich im Netz akzeptieren kann, ist die Kontextbildung. Daß heißt, ich liege mit meiner Webseite nicht irgendwo, wo mich nie jemand findet, sondern ich plaziere mich in einem Kontext, zum Beispiel bei einem Artserver. Vorausgesetzt, es handelt sich überhaupt um eine Webseite, denn es gibt neben dem WorldWideWeb noch viele andere Dienste und Ebenen im Netz, auf denen Kunst stattfinden kann. Aber der Artserver sollte keine Institution mit einem Kurator sein.

T.T.: Ein Artserver ist quasi das Internet-Gegenstück zu einer Produzenten-Galerie. Es gibt also die Künstler, die selbst einen Server betreiben und den mit ihrem eigenen Oeuvre vollpacken. Das ist schön für die Künstler, aber das muß doch noch lange nicht von allgemeinem Interesse sein. Und dafür sind doch gerade Kuratoren da: um als "Gate-keeper" nur den Teil der Netzkunstwerke durchzulassen, die von einem gewissen Wert für die Allgemeinheit sind und nicht nur für die Künstler, die sie gemacht haben. Diese Filterfunktion ist für das Kunstpublikum meiner Ansicht nach sogar äußerst wichtig...

C.S.: Natürlich gibt es Leute, die diese Filterfunktion brauchen, weil sie keine Zeit oder keine Lust haben, sich selbst umzusehen. Aber bei "Extension" war zum Beispiel nichts dabei, was für mich von Interesse wäre. Man sollte sich immer darüber im klaren sein, wie elitär und zweifelhaft die Auswahl in einem Museum ist.

T.T.: Es gibt die historischen Erfahrung mit Video, wo Prozesse der Kanonisierung und Musealisierung stattgefunden haben, wie sie jetzt wahrscheinlich bei der Netzkunst bevorstehen. Was ist eigentlich so schlimm daran, daß ein Museum sich mit Netzkunst beschäftigt und versucht, verschiedene Arbeiten zu bewerten? Es ist schließlich die Aufgabe eines Kunstmuseums, zur Kontextbildung und zur Formulierung eines Kanons beizutragen.

C.S.: Das Motto von Museen ist: Sammeln, Bewahren, Forschen. Ein Museum, das sich ernsthaft mit Netzkunst auseinandersetzen will, müßte Netzkunst sammeln und sich mit allen Konsequenzen überlegen, wie man diese Kunstform konservieren und erforschen kann.

T.T.: Widersprechen Sie sich da nicht selbst? Einerseits sagen Sie, daß die Netzkunst nur im Netz stattfindet und da auch bleiben soll und daß die Museen die Finger davon lassen sollen, andererseits sagen Sie, die Museen sollen Netzkunst sammeln...

C.S.: Wenn ein Museum sich ernsthaft der Herausforderung stellen würde, Netzkunst zu sammeln, könnte ich das akzeptieren. Ich unterstelle ihnen aber, dass sie es nicht ernsthaft vorhaben. Das hat man bei der Galerie der Gegenwart gesehen. Sie wollten einfach auf diesem net.art-Hype kurz mitschwimmen, ein bißchen die Sahne von Cyber und Netz abschöpfen. Aber daß ihnen überhaupt nicht bewußt war, was es tatsächlich bedeuten würde, sich auf so eine Aufgabe einzulassen, sieht man daran, daß seit dem Wettbewerb keine Bemühungen mehr in diese Richtung unternommen werden. Die Website wurde seit der Preisverleihung im September 1997 nicht mehr verändert.

Wenn allerdings kompetente Leute mit einem potenten Museum zusammen die Idee des Sammelns von Netzkunst ernsthaft in Angriff nehmen würden, fände ich das gut. Es wäre eine ungeheure Herausforderung, weil nicht nur das Einsammeln der Werke und die begeleitende Theoriebildung dazugehört, sondern auch ein riesiger Fundus an Hard- und Software, die nötig ist, um die Daten bei den in kürzester Zeit veralteten technischen Standards überhaupt noch lesen zu können. Und dazu bedarf es Technikspezialisten, die die sicherlich anfallenden Reparaturen und Wartung übernehmen können. Aber auf diese gigantische Aufgabe reagieren die Museen eher zögerlich und zurückhaltend. So eine Sammlung müßte sehr breit angelegt sein und möglichst viel Material beherbergen, was auch nicht zwangsläufig bedeutet, daß eine Wertung und Hierarchisierung der einzelnen Arbeiten erfolgen müßte.


T.T.: Was Sie mit Ihrer Aktion geschafft haben, ist, daß sich die Galerie der Gegenwart in Zukunft überhaupt nicht mehr mit Netzkunst befaßt. Ist das für Sie ein Erfolg?

C.S.: Die Idee mit "Extension" eine Sammlung von Netzkunst zu beginnen, wurde halt etwas verlagert. Jetzt haben sie Stelarc eine Residency angeboten. Den Kompromiß, mit einem einzigen Künstler weiterzuarbeiten, der ein überschaubares Werk abliefert, finde ich konsequenter. Mit Stelarc begeben sie sich inhaltlich immer noch auf neues Terrain, aber es ist doch museumskompatibel.

T.T.: Ihre "Female Extension" erinnert mich an die Kontextkunst oder Institutional Critique der frühen Neunziger Jahre. Damals gab es ja auch die Idee, die Konventionen, die Mechanismen der Normenbildung und Kanonisierung im Kunstbereich zu thematisieren und zu hinterfragen. Das waren Fragen, die nur Leute interessiert haben, die etwas mit Kunst zu tun hatten. Kann man sagen, daß sich Ihre Arbeit im Grunde ausschließlich an die Jury gerichtet hat?

C.S.: Am unmittelbarsten war natürlich die Jury betroffen, obwohl die Mitglieder gar nicht realisiert haben, daß es sich bei "Female Extention" um Kunst handelt - umso besser. Inwieweit andere, zum Beispiel die an "Extension" beteiligten Künstler, sich mit meiner Aktion beschäftigt haben, weiß ich nicht. Aber ich habe viel Feedback bekommen von Leuten, die gar nicht direkt involviert waren, für die ich aber ein wichtiges Problem sichtbar gemacht habe, nämlich die versuchte Musealisierung von Netzkunst. Viele Netzkünstler wissen selbst nicht genau, wie sie damit umgehen sollen und machen einen Spagat zwischen Underground und Professionalisierung. Dieses Problem habe ich nicht, weil mein Werk der Angriff auf die Struktur des Museeums selbst war.