Improved Tele-Vision
Intervention, Konzeptuelles Internetmusikprojekt und Rauminstallation, 2002
...[Mongolian people]...were not center-oriented like Chinese agrarian society. They saw far and when they see a new horizon far away, they had to go and see far more – Tele-vision means in Greek to see far. See far = fernsehen = Tele-vision.
Nam June Paik, ‚My Jubilee ist unverhemmet‘
Der koreanische Künstler Nam June Paik studierte Komposition in Seoul, bevor er sich als Videokünstler im Westen einen Namen machte. Sein Leben im Korea der 40er Jahre machte es jedoch schwer, an avantgardistische Musik aus dem Westen heranzukommen. Es gab wenig Informationen darüber und noch seltener die Möglichkeit, diese Musik zu hören. Deshalb resultierte seine Verehrung für den Komponisten Arnold Schönberg lediglich aus theoretischen Schriften.
Als er zum ersten Mal die Gelegenheit hatte, Schönbergs Musik zu hören, ‚Die verklärte Nacht‘, opus 4, erfüllte ihn nachhaltiges Entsetzen. So hatte er sich diese Musik nicht vorgestellt — und sogar 25 Jahre später, als er bereits in New York lebte, war die Enttäuschung immer noch lebendig genug, um ihn dazu anzutreiben, ein Statement dagegen zu setzen. Bei einem Tanzevent mit Merce Cunningham, spielte er eben dieses Stück, opus 4, mit einem Viertel der Geschwindigkeit ab (16 rpm anstatt 78 rpm) und veröffentlichte die verlangsamte Variante als eigenes Musikstück mit dem Titel: “MY JUBILEE IST UNVERHEMMET” auf Vinylplatte. In einem auf dem Cover abgedruckten Text macht er die Abrechnung mit Schönberg, indem er die Musik des Komponisten als “Wagnerian Quatsch” bezeichnet und stolz Merce Cunningham zitiert, der Paiks neue Fassung so kommentierte: “You have improved Schoenberg.”
Als nun der Künstler Dieter Roth, ein grosser Verehrer von Schönbergs Musik, von dem anmassenden und beleidigenden Statement Paiks und dessen künstlerischer Setzung dazu hörte, fühlte er sich zur Ehrenrettung Schönbergs berufen und rächte Paiks Intervention durch eine eigene Setzung: Er spielte die Paik’sche Variante der ‚Verklärten Nacht‘ wieder mit 4-facher, also Originalgeschwindigkeit ab und nahm diese beschleunigte Version ebenfalls als eigenes Musikstück auf Vinylplatte auf. Der Titel seiner Fassung lautet: “THY QUATSCH est min Castello”. In einem Text, der formal an den Text auf Paiks Plattecover angelehnt ist, schreibt er: “Schönberg revenged!”
Das Projekt “improved Tele-vision” der Künstlerin Cornelia Sollfrank fügt den beiden bisherigen künstlerischen Interventionen zu Schönbergs ‚Verklärte Nacht‘, opus 4, zwei weitere Varianten hinzu.
Improved Tele-vision – konzeptuelles INTERNETmusikprojekt
http://artwarez.org/static/improvedTV
Beide vorangegangenen Interventionen bezogen sich auf die Geschwindigkeit der Musik; zuerst verlangsamte Paik das Stück, danach beschleunigte Roth es wieder. Diese Variante wird es ermöglichen, dass das Stück in (fast) beliebigen Geschwindigkeiten abgespielt werden kann. Die Entscheidung hierüber wird vom Betrachter/Hörer getroffen und nicht mehr vom Komponisten bzw. einem/einer intervenierenden KünstlerIn.
Träger- und gleichzeitig Distributionsmedium ist das Internet. Auf der Website sind die Daten des betreffenden Abschnittes von Schönbergs ‚Verklärte Nacht‘ (4min aus ‚Grave‘) abgelegt und können durch eine Shockwave-Programmierung in verschiedenen Tempi gehört werden. Als Interface dient die Darstellung eines analogen Plattenspielers, dessen Pitch-Hebel durch Mausbewegung stufenlos regulierbar ist. Erst wenn der Betrachter/Hörer sich für eine Geschwindigkeit entschieden hat, spielt die Musik.
Improved Tele-vision – Rauminstallation
(bisher realisiert in der galleri 21, Malmö, Schweden, November 2001 sowie Edith-Russ-Haus für Medienkunst, Oldenburg im Rahmen der Ausstellung ‚cyberfem spirit – spirit of data‘, Dezember 2001)
In einem eigenen Raum werden in einer Toninstalltion auf vier Kanälen gleichzeitg die vier verschiedenen Versionen des Schönbergstücks zu hören sein. Die Musiken von Schönberg, Paik, Roth und Sollfrank sind zu einem neuen Stück komponiert. Gleichzeitig hängen in diesem Raum die gemalten Portraits der vier beteiligten Künstler: Schönberg – Paik – Roth – Sollfrank und Originaltexte der KünstlerInnen, die ihre Interventionen erläutern.



